Frau Q.
Rehabilitation bei einer Handverbrennung im frühen Kindesalter und der Nachoperation im Alter von 53 Jahren

Frau Q. ist 53jährig. Sie ist in Spanien aufgewachsen und lebt seit 24 Jahren mit ihrer Familie in der Schweiz. Sie ist gelernte Schneiderin, Hausfrau und arbeitet in einem Lehrlings- und Studentenheim in der Wäscherei, im Service und in der Reinigung.

Als Kind zog sie sich eine schwere Verbrennung mit grossen Narbenkontrakturen der gesamten rechten Hand und Finger zu.
Nun ergriff sie die Möglichkeit einer Operation, die wie folgt ausgeführt wurde:

  • Versteifung des Daumenendgelenkes
  • Amputation des kleinen Fingers
  • Entfernung des harten Narbengewebes und
  • Deckung mit Vollhauttransplantaten.

Vier Wochen nach der Operation wurde sie uns zur ergotherapeutischen Nachbehandlung überwiesen.
Hintergrundinformation: Ergotherapeutische Befunderhebung und Verlaufsdokumentation

Interview

Wie und wann kam es zu ihrer Handverletzung? Wie sah ihre rechte Hand danach aus?

Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich in Spanien. Wir wohnten in einfachen Verhältnissen auf dem Lande. Meine Eltern waren Bauern. Damals hatte man in der Küche des Wohnhauses eine offene Feuerstelle auf dem Boden. Eines Tages, als meine Eltern draussen arbeiteten, sollte ein junger Bursche auf mich aufpassen. Er hielt sich jedoch lieber vor dem Haus mit seinen Kollegen auf und liess mich unbeaufsichtigt in der Küche herumkriechen.... Nachbarn hörten mein Schreien und benachrichtigten meine Eltern.
Meine rechte Hand war sehr stark verbrannt. Sie wurde mit kaltem Wasser behandelt sowie mit ungesalzener Butter bestrichen. Meine Eltern brachten mich zum Arzt. Den Weg von 10 km mussten sie zu Fuss zurücklegen. Nebst der Abgabe einer Wundsalbe konnte er mir nicht weiterhelfen und meinte, wir sollten in 10 Jahren wiederkommen.
Die Wunden schlossen sich, die Hand blieb aber stark behindert. Der kleine Finger war nur noch ein Stumpf und das Endglied des Ringfingers fehlte. Ich konnte jedoch alle Finger in den Grundgelenken biegen, mehr oder weniger gut strecken und die Mittelgelenke von Zeige- bis Ringfinger ebenfalls biegen. Das Strecken und Spreizen der Finger fiel mir jedoch sehr schwer, da sich in der Hohlhand eine grosse Narbe befand, die die Hand zusammenzog. Obwohl das Endgelenk des Daumens geknickt war, konnte ich diesen Finger bis zum Ringfinger bringen und so relativ feine Sachen greifen. Es war mir aber nicht möglich, den Daumen seitlich abzuspreizen um grosse Gegenstände zu greifen.

Wie kamen sie in der Schule, im Alltag zurecht? Gab es Dinge, die sie nicht oder nur mit grossen Problemen machen konnten?

Gemäss meiner Mutter wollte ich am Anfang alles mit der linken Hand üben. Meine Mutter und später auch meine Lehrerin verboten mir dies aber. So gelang es mir zunehmend, alle alltäglichen Tätigkeiten wie Essen, Schneiden, Schreiben rechts auszuführen. Ich musste jedoch feine Sachen oder Gegenstände mit grossem Durchmesser links greifen. Arbeiten mit grossem Kraftaufwand, erledigte ich mit der linken Hand.

Haben damals die anderen Kinder oder auch Erwachsene negativ auf ihre behinderte Hand reagiert?

Die Erwachsenen reagierten nicht negativ. Die Kinder waren jedoch teilweise sehr verletzend und behandelten mich als Aussenseiterin. Ich konnte aber trotzdem offen und fröhlich auf andere Leute zugehen. Ich begann aber meine Hand immer irgendwie zu verstecken, damit es zu keinen negativen Reaktionen kommen konnte. Dieses Verhalten ist mir bis heute geblieben.

Hat ihre Behinderung ihr späteres Leben negativ beeinflusst, sei es bei der Berufswahl, Ausübung von Hobbys oder beim Kontakt mit anderen Menschen?

Da ich mit meinen beiden Händen alles selbständig ausführen konnte, hatte ich keine Probleme bei der Berufswahl. Ich konnte Schneiderin lernen und manuell alles machen. Wie vorher schon erwähnt, versuchte ich jedoch beim Kennenlernen von Menschen meine Hand immer zu verstecken.

Was gab den Ausschlag zur Operation?

Als ich 10 Jahre alt war, sagte mir ein Spezialist in Spanien, dass man nichts machen könne. Vor ca. 24 Jahren, als ich mit meinem Mann und meinem Sohn in der Schweiz wohnte, suchte ich hier einen Arzt auf und der riet mir ebenfalls von einer Operation ab, es sei zu schwierig. Anfang dieses Jahres machte mich dann ein Arzt darauf aufmerksam, dass man nun solche Verbrennungsnarben operieren könne. Er überwies mich an einen Handchirurgen.
In meinem Alltag als Hausfrau und bei meiner Arbeit in einem Lehrlings- und Studentenheim störte mich die Narbe zunehmend. Die Narbe zog meine Hand immer stärker zusammen und die Haut wurde spröder und brüchiger.

Welches waren ihre grössten Probleme in der ersten Zeit nach der Operation?

Der Handchirurge musste mir den Stumpf des Kleinfingers amputieren, das Endgelenk des Daumens versteifen, die vielen Narben in der Hohlhand und an den Fingern entfernen und durch Hauttransplantate wieder decken. Da dies ein sehr grosser Eingriff war, hatte ich natürlich starke Schmerzen und konnte die ersten vier bis fünf Wochen nach der Operation nur wenig schlafen! Die Wundheilung brauchte fast sechs Wochen bis sie abgeschlossen war.

Haben sie sich die jetzige Intensität und Art und Weise der Nachbehandlung so vorgestellt, wie sie diese nun erleben?

Ja. Der Handchirurge hat mich über die Folgen der Operation gut aufgeklärt und mich darauf vorbereitet, dass die Nachbehandlung auch von mir viel Engagement fordern wird.

Welche ergotherapeutischen Massnahmen schätzen sie besonders? Wie wirken diese Massnahmen ihres Erachtens?

Ich bin sehr froh über die Lagerungsschiene in der Nacht und die dynamische Streckschiene am Tag. Diese Schienen sind mir eine grosse Hilfe beim Dehnen der Operationsnarben, was wiederum eine grösstmögliche Öffnung der Hand bewirkt.
Auch bin ich sehr froh über die Narbenmassage und das Durchbewegen der Finger durch die Therapeutin. Ich selber kann das natürlich nicht so effektiv machen.

Wurden bis jetzt gewisse Erwartungen an die ergotherapeutische Nachbehandlung nicht erfüllt?

Nein, ich fühle mich sehr gut betreut. Die Ergotherapeutin arbeitet mit viel Einfühlungsvermögen und versucht immer auf meine momentanen Probleme einzugehen und sofort eine Lösung zu finden.

Welche Ziele möchten sie mit ihrer Hand erreichen?

Einige Ziele habe ich sogar schon erreicht:

  • Meine Haut ist geschmeidiger geworden.
  • Ich kann die Hand besser öffnen, um grössere Gegenstände zu greifen und – für mich besonders wichtig – um jemandem die Hand zu schütteln.
  • Dann hoffe ich, dass meine Hand im Umgang mit feinen Gegenständen geschickter wird.

In den nächsten fünf Monaten muss ich noch viel Ausdauer beweisen, damit sich die Narben nicht wieder zusammenziehen und die Handöffnung somit verloren gehen würde. Ich bin jedoch sehr motiviert und glaube daran, dass ich meine Ziele verwirklichen kann.

Herzlichen Dank, dass sie uns durch dieses Gespräch ermöglicht haben, das Thema Handverletzung aus einer ganz persönlichen Perspektive zu betrachten.