Herr A.
Lebensweg nach einem Hirnschlag im Alter von 65 Jahren

Herr A. ist 67jährig. Er lebt mit seiner Partnerin in einer 3-Zimmer-Wohnung. Er führte bis zu seiner Krankheit sein eigenes Geschäft, eine Carosseriespenglerei. Heute ist er pensioniert und baut sich langsam ein neues soziales Netz auf.

Herr A. erlitt im Alter von 65 Jahren eine Hirnblutung mit einem diskreten Hemisyndrom links. Er war für 3 Monate im Spital zur Rehabiliation.

3 Monate nach dem Hirnschlag wurde Herr A. zur ambulanten Ergotherapie bei uns angemeldet. Die Diagnose lautete:
Hirnleistungsschwäche nach CVI
Hintergrundinformation: Ergotherapeutische Befunderhebung und Verlaufsdokumentation

Interview

Wie ist ihre momentane Befindlichkeit?

Es geht gut soweit.

Können sie ihre Krankheitsgeschichte kurz zusammenfassen?

Es war vor zwei Jahren, an einem Sonntagabend im März. Beim Ausräumen von Material aus dem Auto verlor ich plötzlich das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Eine Passantin sah das. Sie wusste was passiert war. Sie setzte mich auf einen Stuhl und holte meine Partnerin, die das Nötige veranlasste und die Sanität avisierte, die mich ins Akutspital brachte. Nach 14 Tagen wurde ich für 3 Monate in eine Klinik zur Rehabilitation überwiesen. Zuerst war ich auf der linken Seite noch gelähmt, lernte aber rasch wieder laufen und essen. In der Körperpflege war ich immer selbständig.
Nach der Rehabilitation kehrte ich heim, worauf die Ergotherapeutin zu mir nach Hause kam. Nach einigen Wochen konnte ich dann selber mit dem Zug und Bus in die Praxis fahren.
Ich ertrug gewisse Sachen gar nicht; das Einkaufen war Horror für mich. Ich ermüdete sehr schnell, das Licht, die Luft, die Menschenmassen...
Heute gehe ich alleine immer in dieselbe kleine Migros, so weiss ich, wo die Sachen zu finden sind. Ich gehe auch selber auf den Zug. Kürzlich verbrachte ich alleine eine Ferienwoche in Wengen!
Vor etwa einem Jahr begann ich in der Ergotherapie mit dem Gedächtnistraining in der Gruppe.
Ich darf - nun definitiv - nicht Autofahren. Ich übte in der Ergotherapie am PC für den Fahrtest und absolvierte letzte Woche diesen im Inselspital, doch leider habe ich nicht bestanden. Meine Konzentrationsleistung, meine Koordination und Reaktionsfähigkeit v.a. im linken Raum reicht nicht aus. Nun ist für mich dieses Thema abgeschlossen.

Haben sie gewusst, was Ergotherapie ist?

Ich hatte schon davon gehört, als ich einmal vor Jahren den Daumen verletzte. Ich hätte in die Ergotherapie gehen müssen, befand es aber nicht als nötig – und so kann ich heute den Daumen nicht mehr richtig strecken!

Was heisst für sie Ergotherapie konkret?

Ausgehend von meinem Krankheitsbild bedeutet Ergotherapie für mich das Training von Hirnfunktionen anhand alltäglicher Tätigkeiten wie Schreiben, Lesen, Kochen, sowie spezifische Uebungen für die Konzentration und das Gedächtnis.

Wie würden sie den Arbeitsstil der Ergotherapie beschreiben?

Ruhig, konzentriert. Ich lasse mich in der Therapie lieber führen. Die Therapeutin ist ja die Spezialistin und "weiss, was gut für mich ist". Das Programm ist sehr abwechslungsreich! Gerade in die Gruppe ging ich mit gemischten Gefühlen, doch es bringt mir was. Ich fühle mich herausgefordert, ich kann mich mit anderen messen, sehe, wo andere stehen, und es ist auch lustig!
Ich bin überzeugt, dass ich ohne die Bemühungen der Ergotherapeutinnen dieser Praxis nicht an diesem Punkt im Leben stehen würde, an dem ich heute angelangt bin.

Was haben sie konkret in der Ergotherapie gelernt? Was konnten sie im Alltag davon umsetzen?

Es brachte mir Selbstsicherheit z.B. im zeitlichen Management beim Kochen. Es passiert mir nicht mehr, dass ich um 9 Uhr anfange, um dann um 12 Uhr fertig zu sein!
Die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel haben wir auch geübt. Die Ergotherapeutin begleitete mich in die Stadt, erklärte mir die Münzautomaten, testete mich. Der Weg, den ich alleine zurückzulegen hatte, wurde immer länger.
Ich kann alleine einkaufen gehen.
In der Gruppe wurde ich selbstsicherer; durch die Konstanz wuchs auch das gegenseitige Vertrauen.

Was hat sich Positives in ihrem Leben verändert seit dem Hirnschlag?

Das ist schwierig zu beantworten...
Ich bin froh, heute wieder mobil zu sein – laufen zu können.
Auf Anraten der Ergotherapeutin hin gehe ich in den Wissens-Tausch in der St. Paulus Kirche. Man kann etwas geben und etwas nehmen. Ich gebe Ausländern und Ausländerinnen Deutsch und lerne dadurch interessante Menschen aus anderen Kulturen kennen. Ich lernte auch meine Angst vor einer Blamage zu überwinden.
Dann biete ich spezielle Autopflege an, was jedoch noch keinen Anklang fand.
Letzte Woche besuchte ich das Altersheim A. Probeweise während einem Monat kümmere ich mich als Besucher/Betreuer um einzelne Betagte. Wenn es mir gefällt, werde ich dies als Freiwilligenarbeit weiterführen.
Vor dem Hirnschlag lebte ich im gleichen Tramp weiter und hätte wohl nie so verschiedene Menschen kennengelernt. Meine Einstellung zum Leben veränderte sich – ich nehme alles etwas „legerer“. Der Stress mit dem eigenen Geschäft fällt heute weg.
Wenn ich jedoch vor dem Hirnschlag besser auf die Signale meines Körpers geachtet hätte, wäre es womöglich nicht soweit gekommen. Ich hätte manchmal vor Müdigkeit auf der Stelle einschlafen können, aber das liess ich einfach nicht zu, bis es eben „knallte“...

Was möchten sie auf keinen Fall missen an Rehabilitationsmassnahmen – was finden sie ganz wichtig für sich?

Die alltagspraktischen Tätigkeiten wie Kochen, das Verkehrstraining, das Hirnleistungstraining am PC und in der Gruppe, in der ein lockeres Verhältnis herrscht.

Sind sie heute selbständig oder wo brauchen sie noch Hilfe?

Ich bin bedingt selbständig. Ich habe Mühe mit dem Alleinsein zu Hause, wenn meine Partnerin Kurse gibt. Wenn ich aus dem Haus kann, ist es weniger ein Problem. Wie schon gesagt, verbrachte ich eine Ferienwoche in Wengen, wo ich mich eigentlich sehr gut selber strukturieren konnte und an Sicherheit gewann.
Ich würde gerne noch mehr die Autopflege aufziehen, daran habe ich Freude. Ich bewältige zur Zeit ein Auto pro Tag, wofür ich etwa 1 ½ Stunden benötige.

Haben sie einen Tipp an die Angehörigen, wie sie am besten mit dem behinderten Partner umgehen sollen?

Wichtig ist, dass sich im Umfeld des Klienten eine Bezugsperson befindet, die sich seinen Problemen annimmt. Ich stelle mir einen ganz normalen Umgang vor! Man soll im Gespräch bleiben.
Es tat mir auch gut, mit einer anderen Familie jeweils zu Jassen, das geht zwei bis drei Stunden heute. Am Anfang gab es schon Momente, wo ich mir überflüssig vorkam, aber die neu aufgebauten Tätigkeitsfelder bieten mir Abwechslung und Freude.

Ich danke meiner Partnerin und den Therapeutinnen für ihr Verständnis und die Geduld, die sie mit mir hatten, denn nur mit ihrer Hilfe bin ich heute wieder mobil und selbständig.

Herr A., ich danke ihnen für dieses spannende Gespräch und ihre Bereitschaft, aus einem besondern Lebensabschnitt zu erzählen!