Herr M.
Lebensperspektiven nach einem Hirnschlag im Alter von 66 Jahren

Herr M. ist 71jährig. Er lebt mit seiner Frau in einer Terassen-Siedlung. Er arbeitete bis zu seinem Hirnschlag vor 5 Jahren als selbständiger Verlagsberater .Heute ist er pensioniert. Er pflegt viele persönliche und berufliche Kontakte und ist oft in der Landesbibliothek anzutreffen.

Herr M. hatte im Alter von 66 Jahren eine Hirnblutung mit einem schweren Hemisyndrom links. Nach dem Aufenthalt im Akutspital ging er für 6 Monate in die Rehabilitation. Bei seinem Austritt war er noch auf den Rollstuhl angewiesen.
Nach der Rehabilitation verbrachte er 5 Tage pro Woche in einem Tagesspital in Bern, wo die Physiotherapie weitergeführt wurde.

Ein Jahr nach dem Hirnschlag wurde Herr M. zur Ergotherapie an uns überwiesen. Wir behandelten ihn im Tagesspital.

Die Diagnose lautete:

  • Status nach ischämischem CVI mit motorischem armbetontem Hemisyndrom links, diskreter Facialisparese links und diskreter Dysarthrie
  • Sudeck-Dystrophie der linken Hand
Interview

Wie ist ihre momentane Befindlichkeit – 5 Jahre nach der Hirnblutung?

Gut, danke der Nachfrage. Die Behinderung links ist natürlich nach wie vor da, aber ich fühle mich wohl. Die Lagerungsschiene von der Ergotherapie trage ich immer noch in der Nacht zur Kontrakturprophylaxe und Reduktion der Spastizität. Zudem gehe ich regelmässig in der Physiotherapie ins Wasser, was sehr wohltuend ist.

Können sie ihre Krankheitsgeschichte kurz zusammenfassen?

An einem Donnerstag Mitte Mai vor 5 Jahren verspürte ich ein leichtes Ameisenkribbeln im linken Fuss. Ich ging nicht sofort zum Arzt wegen Aerztesonntag. Ein Tag danach vermutete der Hausarzt einen Hirnschlag und lieferte mich sofort in ein Akutspital ein. Ich konnte noch alles bewegen, doch am Samstagmorgen waren der linke Arm und das linke Bein gelähmt.
Ich war 10 Tage im Spital und wurde zur Rehabilitation in ein anderes Spital überwiesen. Dort blieb ich während einem halben Jahr. Ich hatte ein volles Therapieprogramm mit Physio- und Ergotherapie. Während dieser Zeit blieb ich auf den Rollstuhl angewiesen. Aus diesem Grunde wurde von der Ergotherapeutin dieser Klinik eine Wohnungsabklärung bei uns zu Hause durchgeführt. Zum Glück haben wir alles auf einem Boden und ich konnte mit dem Rollstuhl nach Hause entlassen werden. Ich war jedoch fest entschlossen, wieder laufen zu können.
Nach meiner Rückkehr nach Hause wurde ich unter der Woche jeden Tag vom Transportdienst ins Tagesspital geführt und um 16 Uhr wieder abgeholt.

Haben sie gewusst, was Ergotherapie ist?

Ja, war mir bekannt. Im weitesten Sinne hatte ich die Vorstellung, dass die betroffenen Stellen bewegt werden, um die verlorene Aktivität zurückzugewinnen.
Die Quintessenz des ganzen Therapieprogrammes war, dass ich mein Ziel erreicht hatte und nach 8 Monaten den Rollstuhl zurückgeben konnte! Ich wollte unter keinen Umständen mein Leben im Rollstuhl verbringen und machte alle möglichen Uebungen auch zu Hause dafür.
Ich begann im Tagesspital die Zeit vermehrt für meine persönlichen und geschäftlichen Interessen zu nutzen, konnte in einem Raum ungestört telefonieren und meinen Papierkram erledigen. Ich war überzeugt, dass ich auch wieder Autofahren könnte entgegen gewissen Pessimisten! Ich wurde dann in der Insel abgeklärt und es gab einen positiven Entscheid!

Welche Erwartungen hatten sie an die Ergotherapie? Wurden sie erfüllt?

Möglichst die Schäden abzubauen, die Mobilität wieder zu erreichen, die stille Hoffnung, den Arm wieder voll einsetzen zu können....
Leider ist dies aufgrund der muskulären Situation nicht möglich. Ich bin aber überzeugt, wenn man keine Ergotherapie gemacht hätte, wäre es viel schlimmer in jeder Beziehung. Man muss alle Möglichkeiten ausschöpfen.

Wie würden sie den Arbeitsstil der Ergotherapie beschreiben?

Effizient, sehr auf die Person ausgerichtet, Eingehen auf den Klienten – auf seine Besonderheiten, sehr verständnisvoll, angenehm in der ganzen Abwicklung der Behandlung.

Welche therapeutischen Massnahmen schätzten sie besonders?

Speziell bei der Armbehandlung die Wachsbäder für die Hand, das passive und aktive Bewegen der Gelenke. Es war wie ein Wecken der Hand, ein immer wieder Schauen, dass der Arm und die Hand nicht einschlafen!
Sinnvoll war auch der Heimbesuch von Frau Bürki, als sie mir und meiner Frau eine korrekte Lagerung im Bett zeigte.
Im letzten halben Jahr kam ich noch in das Hirnleistungstraining in der Gruppe. Im Kreise von andern „Leidensgenossen“ machte es Spass und dem Gehirn tat es gut!

Was haben sie konkret in der Ergotherapie gelernt? Was konnten sie im Alltag davon umsetzen?

Ich lernte förderliche Verhaltensmuster für den Arm, z.B. den linken Arm zu gebrauchen so gut es geht, bei einer Küchenaktivität den Arm einzusetzen oder richtig zu lagern beim Essen, nicht einfach hinunterhängen zu lassen.
Wenn ich den Tisch decke, kann ich die Sachen einhändig holen oder Brot abschneiden: mit Hilfe des Kinns (!) und des Nagelbrettes.
In der Rehabilitation lernte ich das einhändige An- und Ausziehen der Kleider, Knöpfe schliessen, die Körperpflege, das Duschen mit Duschstuhl ... das finde ich sehr wichtig.
Es ist noch sehr mühsam, wenn man auf Reisen ist und es im Hotel nur eine Badewanne anstelle einer Dusche hat... zum Einsteigen ist das schwierig und meistens fehlt eine Antirutschmatte!
Ich esse einhändig, was eigentlich problemlos geht. Im Restaurant bestelle ich meist Menues, die man gut nur mit der Gabel essen kann oder ich lasse es zerschneiden. Zu Hause habe ich den Nonslip aber diesen brauche ich heute kaum noch. Es gibt viele kleine Probleme, wie z.B. das Ausputzen eines Joghurts. Ich mache das so, dass ich das Joghurt in eine Tasse stelle, die auf dem Nonslip steht, und löffle dann aus. Oder das kleine Nagelbrett benutze ich zum Bestreichen einer Brotscheibe.
Eigentlich geht alles alleine beim Anziehen, mit Ausnahme von gewissen Hosen, die Eisenhaken haben, da brauche ich Hilfe zum Einhängen.

Was hat sich Positives in ihrem Leben verändert seit dem Hirnschlag?

Das ist noch schwer zu sagen.... Es zeigt einem die Grenzen der menschlichen Natur, man muss in der Lage sein Negatives einzustecken, aus negativen Aspekten „the best of it“ zu machen.... das Verständnis haben für andere Menschen, die auch eine Behinderung haben körperlich oder geistig... Geduld haben ... ein Hirnschlag belastet einen auch psychisch, man wird hässig, fahrig, unduldsam gegenüber andern....
Ich habe andere interessante Menschen kennengelernt – in der Gruppe hier in der Praxis, oder schon im Spital, wo ich einen sehr schönen, freundschaftlichen Bezug zu ehemaligen Klienten habe.
Ich bin froh, dass ich noch so mobil bin und in der Weltgeschichte herumfahren kann!
Obwohl heute dies nicht mehr im gleichen Ausmass möglich ist. Ich machte beispielsweise ein Jahr lang in den Pyrenäen Höhlenforschung, oder erforschte Schlösser, Burgen. Ja, klettern, wandern ist nicht mehr möglich.
Gestern war ich im Turnverein. Wir machten jeweils Frühsommerwanderungen. Ich gehe heute jeweils mit dem Auto mit. Einmal mietete ich einen Rollstuhl und sie schleppten mich mit auf eine Alp hoch; ein Seil vorne, eines hinten und so gings über Stock und Stein! Ja, ja, es sind noch viele Sachen möglich!
Ich lernte aber auch einen Klienten kennen, ein ähnlicher Fall wie ich eigentlich, der war aber sehr passiv, liess sich alles bringen, wäre vom Laufen her „besser zwäg“, hatte aber wenig Antrieb.

Haben sich die Beziehungen zum Bekanntenkreis seit der Krankheit verändert?

Der nachbarschaftliche Kontakt war immer schon gut. Ich gehe eigentlich gerne raus alleine, gehe ins Dorf, gehe einkaufen und kann dabei ein wenig schwatzen.
Als Verlagsberater reiste ich viel herum, auch nach Uebersee. Nach dem Hirnschlag musste ich dies weitgehend abbauen. Ich nehme aber vereinzelt an Kongressen teil oder veranstalte mal ein Seminar mit meinem Kollegen zusammen. Ich habe nach wie vor Kontakt mit verschiedenen Firmen.

Was möchten sie auf keinen Fall missen an Rehabilitationsmassnahmen – was finden sie ganz wichtig für sich?

Ein Hirnschlag wird heute viel breiter diskutiert, man hört und liest viel mehr darüber.
Es ist so, dass man über lange Zeit immer dran bleiben muss, nicht aufgeben darf, auch fachlich-therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen muss. Und diese möchte ich sicher nicht missen.
Hätte ich vor 5 Jahren schon so viel darüber gehört, wäre ich bestimmt sofort ins Spital um mich behandeln zu lassen. Vermutlich wäre dann die Plegie nicht in diesem Ausmass gewesen...??

Haben sie einen Tipp an die Angehörigen, wie sie am besten mit dem behinderten Partner/der behinderten Partnerin umgehen sollen?

Es sind nicht alle gleich belastbar, manche sind dünnhäutiger, hadern mit ihrem Schicksal. Es ist wichtig, dass sich der Betroffene auch erkenntlich zeigt, sich nicht bedienen lässt, sondern möglichst viel selber macht. Vielleicht lassen sich die Männer eher fallen, sollten auch ein schönes Merci sagen, vielleicht mit einen Blumenstrauss..
Nach dem Hirnschlag musste meine Frau plötzlich die administrativen Sachen übernehmen und brachte es jeweils mit in das Spital. Bis anhin war dies ja mein Gebiet. Heute kann ich es längst wieder machen. Aber solche Veränderungen der Rollenaufteilung gibt es, und es braucht eben eine positive Einstellung und Dankbarkeit.

Herr M., ich danke Ihnen für dieses spannende Gespräch und ihre Bereitschaft, aus einem besondern Lebensabschnitt zu erzählen!